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ROBERT FEUSTEL

DIE KUNST DES VERSCHIEBENS

Dekonstruktion für Einsteiger

WILHELM FINK : ESSAYS

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2015 Wilhelm Fink, Paderborn
(Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG,
Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn)

Internet: www.fink.de

Einbandgestaltung: Martin Mellen und Peter Zickermann, Bielefeld

Umschlagillustration: Peter Zickermann, Bielefeld

Satz: Martin Mellen, Bielefeld

Lektorat: Nancy Grochol (www.lektorat-argwohn.de)

Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Paderborn

E-Book-ISBN 978-3-8467-5857-1
ISBN der Printausgabe 978-3-7705-5857-5

Inhalt

Cover

Einleitung

1 »There is no spoon«:
Konstruktion und Genealogie

2 Dekonstruktion I:
Différance, Schrift und Spur

3 Dekonstruktion II:
Die Kunst des Verschiebens

4 Das Politische der Dekonstruktion

Schluss

Literatur

Einleitung

Dekonstruktion ist hip. Peter Zima schreibt bereits Anfang der 1990er Jahre, sie sei eine »kommerzialisierte Modeerscheinung«, die als »ideologisiertes Reizwort« dazu veranlasse, dafür oder dagegen zu sein.1 Etwa zwei Jahrzehnte später hat ihr philosophischer Stachel vielleicht etwas an Schärfe eingebüßt, prominent ist der Begriff gleichwohl immer noch. Kaum ein Gespräch unter Studierenden (der entsprechenden Fakultäten), Linksintellektuellen oder Bildungsbürgern kommt ohne den Moment aus, in dem etwas dekonstruiert wird.*

Das Spektrum möglicher Dinge, Gegenstände oder Verhaltensweisen, die dem dekonstruktiven Blick zum Opfer fallen, ist breit: Geschlecht, Nation, Familie, Beziehung, Sex, Geld, Konsum, Kunst, Architektur, Geschmack, Geschichte usw. Vor allem jedoch ist es das Subjekt selbst, das – seiner Handlungsautonomie beraubt – zu dekonstruieren sei, wenn es dies nicht mithilfe einer zeitgenössischen Brise Selbstironie allein bewerkstelligt. Der Jargon des Dekonstruierens treibt immer neue Blüten. Regelmäßig stolpere ich über bizarre Beispiele: »Dekonstruktion: Branchen in Bewegung – das Ende des klassischen Industriewettbewerbs« titelt ein Online-Wirtschaftsmagazin und argumentiert: »Im Verlauf von zwei Jahrzehnten entwickelten sich die Tankstellen von reinen Benzinverkaufsstellen mehr und mehr zu Supermärkten. Was mit Mitnahmeartikeln und Ersatzteilen begann, wurde nach und nach zum rentablen Geschäft für Pächter und Konzerne.«2

Ein neuer Tonträger der Band The White Stripes wird bei Spiegel-Online mit den Worten kommentiert: »Blues und Country haben die White Stripes bereits hinreichend dekonstruiert, nun scheint die Reise in die Siebziger zu gehen, in die Ära der Rock-Dinosaurier Led Zeppelin und pompöser Bluesrocker wie Bad Company.«3 Den Vogel schießt schließlich Yassin Musharbash wiederum im Spiegel ab. In seiner Besprechung einer ZDF-Dokumentation zu Osama Bin Laden aus dem Jahr 2010 verweist er auf das kritische Potential des Films und schreibt: »Die Theorie, dass Bin Laden wegen eines Nierenleidens in zwei Krankenhäusern in Rawalpindi und Dubai gewesen sei, wird von den Autoren sauber dekonstruiert.«4 Eine Liste möglicher Beispiel, was alles bereits dekonstruiert wurde oder noch entsprechend verarbeitet werden muss, wäre furchtbar lang. Über 65 Millionen Treffer bei Google.com zum Stichwort »deconstruction« sind für eine philosophische Perspektive, Praxis oder Methode schon erstaunlich. Was allerdings in Bezug auf Tankstellen, deren Angebot sich über die Jahre verändert, die Musik der White Stripes und Bin Ladens Nieren »dekonstruiert« meint, was also den Unterschied zwischen Vorher und Nachher markiert, bleibt schleierhaft. Es scheint, als sei »dekonstruiert« eine flippige Vokabel, die schon irgendetwas bedeuten mag und auf jeden Fall im vermeintlich postmodernen Zeitgeist Eindruck macht.

Dieser Zeitgeist scheint zugleich von allen guten Geistern verlassen, haben sich doch, so ist immer wieder zu hören, nicht zuletzt durch Einsatz der theoretischen Waffe Dekonstruktion alle Gegensätze aufgelöst. Vor einer Weile unterhielt ich mich mit einem ehemaligen Studienkollegen, der mittlerweile eine Unternehmensberatung führt. Deren Aushängeschild ist »Nicht-Expertise«. Sie treten mit dem Portfolio an Unternehmen heran, nicht zu wissen, was dem Laden gut tun, ihn verbessern und die Rendite steigern könnte. Stattdessen bauen die consultants ein Setting, das die Angestellten selbst dazu bringen soll,5 »kreativ«, »innovativ« und nach vorn zu denken, um das Unternehmen aus dem alten Trott zu bringen. Nicht-Expertise mutiert zum Expertenwissen. So mutig das Vorhaben ist, so bizarr erscheint es auch. Die Gegensätze sind aufgelöst oder zumindest ausgehebelt, und häufig wird dafür die Postmoderne (was auch immer das sein mag) zur Verantwortung gezogen. Nichts ist mehr konsistent, und nichts sagt mehr das aus, was es meinen will. Etikettenschwindel allenthalben: Bioäpfel aus Neuseeland, Ökostrom von Vatenfall, umweltfreundliche Energiesparlampen mit Quecksilber und Experten, die keine Ahnung haben (wollen). Die fundamentale Ablösung des Zeichens von seinem Gegenstand ist zu beobachten, die Referenzlosigkeit der Bilder.6 Am Schluss wird alles mit Dekonstruktion gewürzt, die (neben einigen anderen theoretischen Entwürfen) vermeintlich dafür verantwortlich ist, dass die Zeichen nur noch mit ihresgleichen kommunizieren und deshalb nichts mehr bedeuten. Ein »postmodern-dialektischer brain fuck« (Hagen Rether) sei zu beobachten, mit Dekonstruktion als Motor. Diese Entwicklungen mögen Panik oder Lachen auslösen, man mag sie politisieren oder verdrängen. Philosophische Theorien oder erkenntnistheoretische Einwürfe für gesellschaftliche Schieflagen zu verhaften, bleibt ein Irrtum. Mit Dekonstruktion, wie sie Jacques Derrida vor einiger Zeit auf das philosophische und politische Spielfeld warf, hat die Aushöhlung der Gegensätze, die Entpolitisierung bzw. die »gescheiterte Moderne« wenig zu tun, auch wenn sie im Reigen mit anderen »postmodernen« Begriffen (und letztlich zum Jargon verkommen) oft zur Rechenschaft gezogen wird.

In den Gemäuern altehrwürdiger Universitäten ist die Tonlage etwas anders. Wenn Dekonstruktion im Semesterplan philosophischer, kultur-, politik- oder literaturwissenschaftlicher Institute steht, werden sich neben dem Erfinder Derrida unweigerlich auch Martin Heidegger, Paul de Man, Friedrich Nietzsche und viele andere einem Verständnis dekonstruktiven Denkens im produktiven Sinn in den Weg stellen. Sicher ist jedenfalls, dass das entsprechende Verfahren eine unheimliche Komplexität und Vielfalt aufweist und schon so manchen Interessierten dazu veranlasste, die Suche nach Klarheit entnervt aufzugeben. Die Mischung aus Diskurs, Poststrukturalismus, Kontingenz, Sprechakt, Signifikation, dem Realen, dem Noumenalen, écriture und parole, Dissemination oder différance und Iterabilität usw. produziert (nicht zu Unrecht) das Bild eines schwer zu meisternden Dickichts, was Jonathan Culler beispielsweise zur These veranlasste, in der universitären Lehre habe die Dekonstruktion nicht viel zu suchen, weil Studierende damit meist überfordert seien.7 Mitunter läuft die Sache jedoch auch hier etwas aus dem Ruder. Weniger weil die Protagonisten bzw. philosophischen Autoritäten nicht wüssten, was sie meinen, wenn sie von Dekonstruktion sprechen. Wohl aber, weil sie befangen oder benommen von der Komplexität philosophischer Gebäude und des eigenen Denkens selbst nicht mehr klar formulieren – wohlgemerkt mitunter. Zimas überaus lesenswerte Einführung etwa zeigt an, welche Voraussetzungen erfüllt sein sollten, will Dekonstruktion verstanden werden. Gleich zu Beginn heißt es: »In Derridas Augen erscheint vor allem Hegels Totalitätsdenken und Saussures linguistisches System als Inkarnation einer mit dem Herrschaftsprinzip verquickten metaphysischen Begriffsbildung.«8 Schlechte Nachrichten für all jene, die noch nicht innig mit Hegel und Saussure vertraut sind …

Der Anlass dieser kleinen Schrift ist also ein doppelter: Einerseits gehört Dekonstruktion zum Tagesgeschäft (zumindest in Form des Verbs dekonstruieren) und zum guten Ton jener Debatten, die auf der Höhe der Zeit sein wollen, ohne dass Begriff und Sache sonderlich gut konturiert wären. Und wenn (auch und gerade linke) politische Debatten nach Gründen suchen, warum keine andere Welt möglich scheint, werden nicht selten Postmoderne und Dekonstruktion in die Pflicht genommen, weil sie die Frage dessen, was ist, ausgehöhlt, Subjektivität und Ich zur opaken Leerstelle umgedeutet und letztlich die Zeichen vom Gegenstand entkoppelt hätten. Andererseits scheint für viele Dekonstruktion ein Buch mit sieben Siegeln: In Bezug auf Tankstellen, die mit einem neuen Geschäftsmodell aufwarten, meint Dekonstruktion wahrscheinlich nicht viel mehr als Veränderung; und die ZDF-Dokumentation zu Bin Laden weist offenbar nach, dass die Legende von dessen Krankenhausaufenthalten falsch ist. Eine Veränderung anzeigen und eine Geschichte als falsch überführen, hat noch nichts mit Dekonstruktion zu tun. Im Fall der White Stripes ist die Sache etwas komplexer. Hier scheint der Rezensent mit der Verwendung des Begriffs darauf anzuspielen, dass die Band musikalische Elemente älteren Datums aufnimmt und neu verarbeitet. Damit kommt er der komplizierten Operation des Dekonstruierens vielleicht schon näher, eine sichtbare Notwendigkeit für den Begriff gibt es dennoch ebenso wenig wie Umrisse einer musikalischen Dekonstruktion deutlich werden.

Wie Susanne Lüdemann in ihrer Einführung in Derridas Philosophie (immerhin der Erfinder des Ganzen oder zumindest jener, der bereits vorhandene philosophische Argumente auf den Begriff gebracht hat) präzise herausstellt, gibt es viele Zugänge zu Autor und Werk, und jede Darstellung wird eine »bestimmte unter anderen möglichen gewesen sein«.9 Sinn und Zweck ist es also nicht, endlich und ein für alle Mal Dekonstruktion zu erklären, was gänzlich unmöglich ist. Vielmehr wäre viel gewonnen, wenn einige Grundzüge dekonstruktiven Denkens, wie es seit Derrida die Runde macht, hervorgehoben und von der uferlosen und gleichzeitig vagen Popularisierung oder Dämonisierung abgegrenzt werden können. Dies würde einerseits dabei helfen, die Allerweltsvokabel etwas genauer zu fassen und zu erkennen, wann es angezeigt ist, dem Pop der Dekonstruktion auszuweichen und von Veränderung, Kritik oder Verneinung zu sprechen. Andererseits ist die Komplexität dekonstruktiven Denkens ebenso verführerisch wie seine verschlungenen Spuren in der Philosophiegeschichte. Jede Vereinfachung bzw. Reduktion ignoriert, übersieht oder miss­achtet die vielen Stimmen und gleicht einem zum Scheitern verurteilten Versuch.

Eine Möglichkeit, in Derridas Dekonstruktion einzusteigen, besteht darin, seine philosophischen Gesprächspartner zu Wort kommen zu lassen, mit deren indirekter Hilfe er seine Argumentation entwickelt; das Erbe, an das Derrida und zugleich die Dekonstruktion gebunden und dem er – unfreiwillig gewissermaßen – verpflichtet ist. Dies würde einen fruchtbaren Dialog nachzeichnen und verdeutlichen, in welchem schwierigen Setting das Modewort Dekonstruktion das Licht der Welt erblickte. Der Nachteil ist freilich, dass sich eine allenfalls grob nachvollziehbare Referenzkette eröffnen würde, die eigentlich eines ganzen Philosophiestudiums bedarf. Nicht ohne Grund schlägt Derrida den Bogen zu den Anfängen westlicher Philosophie, ins alte Griechenland. Nicht nur die zeitgenössische Verwendung des Begriffs mäandriert also in alle Winkel der Popkultur. Auch das philosophische Projekt selbst ist von überbordender Komplexität gezeichnet. So wäre es etwa möglich, den »Gegenstand« Dekonstruktion nach seinem Verhältnis zur Psychoanalyse, zur Literatur oder zur Architektur zu befragen oder ähnliche Vorläufer auszugraben. Es gäbe viele Anknüpfungspunkte.

Orientierung gibt das Wort selbst. Eine dekonstruktive Lektüre setzt zunächst ein klares Bild von Konstruktion (und Konstruktivismus) voraus – jenseits falscher zeitgenössischer Plattitüden eines umstandslosen Individualismus und einer mindestens unbefriedigenden Beliebigkeit. Ein Weg, mit Konstruktionen aller Art umzugehen, ist selbige zunächst (historisch) zu rekonstruieren, die Erfindungsleistung des Menschen zu betonen und herauszuschälen, dass kaum etwas so »natürlich« ist, wie landläufig angenommen (1). Es lässt sich etwa zeigen, dass die zwei menschlichen Geschlechter nicht immer einfach da waren und die aktuelle Bedeutung hatten. Das, was sie heute sind, ist Folge einer Erfindungsleistung des Menschen, der den »nichtsprachlichen Dingen ihre Bedeutung« verleiht.10 Derrida wird dies »Spur« nennen. Oder aus der anderen Richtung: »Wenn die Worte dazu dienen, die Dinge in Unordnung zu bringen, dann weil die Schlacht um die Worte untrennbar von der Schlacht um die Dinge ist.«11 Dieser historische und historisierende Blick, der mit dem Namen Michel Foucault und seiner »Genealogie« in Verbindung steht, verschweißt verschiedene Texte zu umfänglicheren Diskursen12 und nutzt diese, um Brüche hervorzuheben. Derrida beschreitet in gewisser Weise – mit etwas mehr philosophischer Attitüde – den umgekehrten Weg und dezentriert einzelne Texte. Das heißt, er verweist auf ihre irreduzible Vieldeutigkeit und stemmt sich damit gegen die klassische Lektüre, Texte und ihre Autoren mögen etwas Eigentliches, eine eigentliche Intention, einen wahren Kern, eine vielleicht unbewusste Absicht haben, die es freizulegen gelte. Dekonstruktion ist also zunächst eine Kunst, Texte als instabile Konstrukte und damit neu und anders zu lesen. Es ist ein Lektüreverfahren, das – und hier finden Genealogie und Dekonstruktion vorläufig zusammen – die Erfindung der Welt mithilfe sprachlicher Differenzen betont. Weil Sprache immer mehr oder anderes sagt, als sie sagt oder sagen will, weil sie nie mit sich zur Deckung kommt, verweist sie zugleich auf eine unvermeidliche Öffnung, auf einen Riss, der sich nicht beherrschen lässt, die différance (2). Und weil das alles so kryptisch und kompliziert ist und in einer gleichsam paradoxen Operation mündet, kommt schließlich die Kunst des De-kon-struierens, der Verschiebung ins Spiel (3).

Der Umweg über Rekonstruktion oder Genealogie kann verwirrend wirken, weil sie – ganz grundsätzlich – darin besteht, aus vielen Texten einen Text, einen Diskurs, eine Sinn­einheit zu machen; während Derridas Dekonstruktion gerade umgekehrt in einem Text gewissermaßen viele Texte, Diskurse, Sinn­einheiten und Bedeutungen findet. Dennoch nehmen beide Versionen eine gemeinsame Perspektive ein: Die Erfindung des Wirklichen nachzuzeichnen und ihre Brüche, Ambivalenzen und Variationen zu betonen. Jenseits aller Differenzen bezüglich der Verfahrensweise teilen sie (und mit ihnen die Protagonisten Foucault und Derrida) grundlegende Zweifel, ob Erkenntnis und Wissenschaft tatsächlich in der Lage sind, mit Sprache der Welt und der Wahrheit auf den Leib zu rücken bzw. ihrer habhaft zu werden. Einen Blick auf Rekonstruktion und Genealogie vorzuschalten, dient schließlich in erster Linie der Darstellung und Handlichkeit: Wer die eine Pille geschluckt hat, wird die zweite besser vertragen.

Dekonstruiert wird letztlich immer dann, wenn sich bei genauer Betrachtung ein Dilemma oder eine Unmöglichkeit zeigt: Um als natürlich und wesenhaft verkaufte Vorstellungen wie Geschlecht, Nation oder Sexualität als Konstruktionen jeder Selbstverständlichkeit zu entreißen, haben wir keine anderen Werkzeuge zur Hand als jene, die das Netz überlieferter Sprache mitbringt, als das, was Derrida »Spur« nennt. Es stehen keine anderen Mittel bereit, bzw. wir können uns nicht einfach wie von Zauberhand aus gängigen Vorstellungen und Bedeutungen verabschieden und gewissermaßen von außerhalb die Dinge sezieren. Ohne einen Begriff von Geschlecht etwa ist es schwer bis unmöglich, die historische Genese des Konzepts oder Konstrukts zu erkennen. Ohne eine Vorstellung von Sexualität lässt sich ihre Erfindung und Normierung nicht ausgraben (um dann Bewegung in die Sache zu bringen und sie dem biologistischen Fortpflanzungsdenken zu entreißen). Wir werden den überlieferten Kram, die alten Kamellen von Männern und Frauen, von Homo und Hetero usw. also nicht so einfach los. Da hilft es auch nur bedingt, von »queer« zu sprechen und damit einen neuen, jungfräulichen Begriff einzuführen, wenn dann »schwul-lesbische Filme« – das heißt alte Kategorien – in Videotheken oder Buchläden unter diesem Label versammelt werden. Aus diesem Grund ist im Fall von Dekonstruktion immer wieder vom Verschieben die Rede. Es heißt gerade nicht einfach zerlegen, kritisieren oder als falsch aufdecken. Dekonstruieren meint immer schon, die Sprecherposition einzubeziehen, geronnene Vorstellungen und vermeintliche Wesenseigenschaften von innen her in Bewegung zu versetzen. Statt Konstrukte mit der Abrissbirne zu attackieren, geht es um die Kunst, Bedeutungen zu verschieben, was einer schwierigen und mitunter subtilen Arbeit am Begriff gleichkommt.

Dieser Blick lässt sich vielleicht mit einem Architekten vergleichen, der in einem viel zu engen, nach strengen Regeln gebauten Haus sitzt, das die anderen Bewohner fälschlich für die wahre Welt und deshalb die Wände für gegeben und unveränderlich halten. Er hätte weder die Mittel noch die Perspektive, den Grundriss nachzuzeichnen, weil ihm die Außenansicht fehlt, weil er nichts anderes kennt als den Blick von innen. Daher sucht er im Innenraum und folgt mit viel Vorsicht einzelnen »Spuren«, die erkennen lassen, dass die Mauern nicht immer an der gleichen Stelle standen. Sie zeigen, dass das Gebäude von Menschenhand gemacht und nicht nur von ihnen bezogen wurde. Das Ziel wäre, mehr Platz zu schaffen und zu verdeutlichen, dass die Mauern und Räume des Gebäudes nicht natürlich (oder gott-)gegeben sind. Sie folgen einer dem Denken entsprungenen Skizze und könnten auch ganz anders platziert sein.13

Im Kern, und das verschärft das Problem, ist Dekonstruktion also ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie etwas von innen dezentrieren oder verschieben will, in dem sie sich selbst befindet. Aber Derridas Entwurf besteht gerade darin: »Das Unmögliche ist […] genau das Geschäft der Dekonstruktion«,14 was sich auch in seinem bis an die Schmerzgrenze komplexen Schreibstil ausdrückt. Schließlich: Weil es sich um eine abenteuerliche Arbeit am Begriff, um ein experimentelles und exploratives Verfahren handelt, ist hier von »Kunst« und nicht von »Methode« die Rede. Methoden gelten hinlänglich als abgesichert und stabil. Die Dekonstruktion betont dagegen beharrlich die Wackligkeit, die Instabilität sowohl des zu dekonstruierenden Gedankens oder Gegenstands als auch des zu schreibenden Textes und des eigenen Verfahrens.

Nicht zuletzt ist das Projekt Dekonstruktion, mit dem Derrida in den Olymp der Philosophen aufgestiegen war, ein politisches (4). Dies hat weniger damit zu tun, das die Kunst des Verschiebens politisch sein will. Vielmehr steht das Politische im Vordergrund, weil gerade die dekonstruierende Arbeit am Material Setzungen, Axiome oder Dinge, die üblicherweise als konstant und unstrittig oder natürlich gelten, als Geworden und vom Denken erschaffen enttarnt. Was von Menschenhand gemacht wurde, befindet sich immer schon im Griff von Macht und Herrschaft. Weil Dekonstruktion der »Abbau oder die Aussetzung sedimentierter Urtreils- und Entscheidungsstrukturen« ist,15 schimmert das Politische unverkennbar durch. Es hängt an der Perspektive selbst, statt nur eine Möglichkeit zu sein. Kurz: Das Politische und seine Verzweigungen sind nicht nur dekonstruierbar, Dekonstruktion ist vielmehr immer schon politisch.

16

* Egal welche Form gewählt wurde, es sind immer alle Geschlechter gemeint.

1Peter V. Zima: Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik, Basel, 1994, ix.

2http://www.wirtschaft48.info/a/Dekonstruktion%3A_Branchen_in_Bewegung_%26ndash%3B_das_Ende_des_klassischen_Indus­triewettbewerbs-180389.html (15.11.2013).

3Spiegel-Online vom 1.6.2005, http://www.spiegel.de/kultur/musik/abgehoert-die-wichtigsten-cds-der-woche-a-358239.html (30.3.2014).

4Yassin Musharbash: ZDF-Doku über Bin Laden: Gruselshow mit Terrorphantom, in: Spiegel-Online, 10.2.2010, http://www.spiegel.de/kultur/tv/zdf-doku-ueber-bin-laden-gruselshow-mit-terrorphantom-a-676932.html.

5Im Folgenden sind immer alle Geschlechter angesprochen, egal welche Form gewählt wurde.

6Zu diesem Thema immer noch lesenswert: Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin, 2005.

7Jonathan Culler: Dekonstruktion: Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie, Reinbek bei Hamburg, 1999. Erst später sei es, Culler zufolge sinnvoll, die Komplexität der Dekonstruktion in den Ring zu werfen, weil sie dann vielleicht auf ausreichend belesene und reflektierte Menschen trifft.

8Zima: Die Dekonstruktion, 1.

9Susanne Lüdemann: Jacques Derrida zur Einführung, Hamburg, 2011, 11.

10Philipp Sarasin: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, in: ders.: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt/Main, 2003, S. 10–60, hier 36. Mit Blick auf das Geschlecht vgl. etwa Maximilian Schochow: Die Ordnung der Hermaphroditen-Geschlechter. Eine Genealogie des Geschlechtsbegriffs, Berlin, 2009.

11Jacques Rancière: Der Hass der Demokratie, Berlin, 2011, 97.

12Diskurse erfassen die Gemeinsamkeiten verschiedener Texte und Aussagen innerhalb eines historischen Rahmens. Sie fokussieren also Ähnlichkeiten und Verwandtschaften, die vom Denken einer Zeit oder einer Region Rechenschaft ablegen.

13Das Bild trägt nur bedingt, weil sich freilich jenseits des Hauses kein Reales der Außenwelt zeigen würde.

14Jacques Derrida: Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse!, Frankfurt/Main, 1996, 28.

15Lüdemann: Jacques Derrida zur Einführung, 108.

16Unter vielen anderen Zima: Die Dekonstruktion, Lüdemann: Jacques Derrida zur Einführung und Culler: Dekonstruktion. Eine sehr umfangreiche, lesenswerte Biographie zu Derrida gibt es mittlerweile auch: Benoît Peeters: Jacques Derrida: Eine Biographie, Berlin, 2013.