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Peter Strasser

Morgengrauen

Peter Strasser

Morgengrauen

Journal zum philosophischen
Hausgebrauch

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Umschlagabbildung:
Ausschnitt aus einer Bildmontage von Mario Kaiser
http://www.avenue.jetzt/cyborgs/im-igestell/

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© 2017 Wilhelm Fink Verlag, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland)

Internet: www.fink.de

Einbandgestaltung: Evelyn Ziegler, München

Herstellung: Brill Deutschland GmbH, Paderborn

E-Book ISBN 978-3-8467-0006-8

ISBN der Printausgabe 978-3-7705-6144-5

Hinweis: Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe (1. Auflage 2017).

Für Emma und Hedi,
für später

INHALT

Vorbemerkung
Frühstück im papierenen Haus des Seins

Teil 1Der tägliche Weltuntergang
Herbst / Spätherbst 2015

Teil 2Verlegthaben und Nichtfindenkönnen
Frühwinter 2015

Teil 3Die Kunstpause der Morgenpredigerin
Winter 2015 / 2016

Teil 4Mit dem falschen Fuß richtig aufstehen
Vorfrühling / Frühling 2016

Danksagung

Namensverzeichnis

VORBEMERKUNG
FRÜHSTÜCK IM PAPIERENEN HAUS DES SEINS

[9]Ein Philosoph (ich) sitzt zuhause und schreibt über seine kleine Welt, die, unbemerkt, in der großen ihren Einzug hält. Er baut, Morgen für Morgen, an seinem papierenen Haus des Seins; er nennt es „Journal zum philosophischen Hausgebrauch“. In my beginning is my end, heißt es bei T. S. Eliot; beim Philosophen heißt es „Morgengrauen“. Dem Philosophen graut vorm täglichen Weltuntergang. Dagegen schreibt er an, während er nicht versäumt, Morgen für Morgen das Frühstück zu bereiten, umgeben von seinen Lieben, die seinem Leben Lebendigkeit spenden. Während draußen die Fakten „Fakten schaffen“, kultiviert der Philosoph seine Häuslichkeit – seine kleine, trotzig-heimelige Morgenwelt, in der die große schon immer klirrend Einzug gehalten hat: Die Völker fliehen vor Hunger, Krieg und Tod; im Morgengrauen brechen sie auf, Tag für Tag, einem Abendland entgegen, das hinterm Stacheldraht sein christliches Jahr der Barmherzigkeit feiert. Es ist, wie es ist. Der Philosoph (ich) schreibt an gegen die Tautologie des Faktischen. Der Fakten gewärtig, die „Fakten schaffen“, baut er schreibend an seinem papierenen Haus des Seins, worin das Morgengrauen ein Versprechen zu bergen scheint – und birgt es denn keins? –: In my end is my beginning, „Es ist, wie es ist, und es ist gut“. Darauf, auf diese Vergeblichkeit hin, ohne die kein Menschsein möglich wäre, schreibt er Morgen für Morgen zu.

Teil 1
Der tägliche Weltuntergang Herbst / Spätherbst 2015

NACH UNTEN, NICHT NACH OBEN

[13]Gerade sitze ich beim Frühstück und lese die Zeitung – „25 unbequeme Fragen zu den Flüchtlingen“ –, da sehe ich aus den Augenwinkeln, wie ein zappelnder Körper an meinem Fenster im fünften Stock des Hauses, in dem ich seit mehr als dreißig Jahren wohne, vorbeifliegt – nach unten, in die Tiefe! So etwas ist bisher nicht passiert. Ich denke reflexartig, während mich ein kalter Blitz durchzuckt: Das ist ein Flüchtling. Mir ist sofort klar, dass ich einer Sinnestäuschung unterlegen sein muss, das Wort „Halluzination“ spart mein Gehirn barmherzig aus. Denn nein, ich hatte gestern, vor dem Schlafengehen, weder einen Vollrausch, noch hatte ich Drogen genommen. Und nein, sage ich mir jetzt, du schaust nicht aus dem Fenster, ob da unten tatsächlich einer liegt. Stattdessen rufe ich einen psychoanalytisch geschulten Freund an, klingle ihn aus dem Bett und berichte ihm – ob er meine Geschichte auf nüchternem Magen nun hören will oder nicht – mein Fenstervorbeiflugerlebnis von soeben. Ich sage wortwörtlich (ohne auf die Frage des Geschlechts einzugehen): „Einer flog vorbei.“ Zu meiner Überraschung fragt mich mein Freund: „Nach unten oder nach oben?“ Ich erwidere: „Natürlich nach unten!“ Darauf mein Freund: „Dann ist es ja gut, weil nach oben wäre schlecht gewesen, ganz schlecht.“ Ich weiß nicht, ob die Psychoanalyse eine exakte Wissenschaft ist, aber ich muss sagen, die Expertise meines Freundes hat mir den Tag gerettet. Hoffentlich auch für den, der nach unten flog.

FALSCHE VORZEICHEN

[14]Gestern glaubte ich, eine Gestalt am Fenster meiner Frühstücksecke vorbeifliegen zu sehen, in die Tiefe. Heute lasse ich das Fenster nicht aus den Augen, aber nichts passiert. Was sollte auch passieren? Ich stehe sogar mehrmals vom Frühstückstisch auf, blicke nach unten in den Hof, wo aber nur einige Nebelkrähen herumhoppeln und sich um die Nüsse streiten, die jetzt reichlich von den herbstlich belaubten Bäumen fallen. Angesichts der Wahlerfolge der Erben Hitlers in Österreich lese ich in der Zeitung, dass sich „der Zusammenfall von Völkerwanderung und Vertrauensverlust als tödlicher Mix“ erweise. Und dann der geflügelte Satz: „Ja, in Linz beginnt’s.“ Dort kam der Teufel motorisiert. In der Nacht war mir ein Bibelzitat aus dem Evangelium des Lukas eingefallen: „Ich sah wohl den Satanas vom Himmel fallen …“ Der Teufel fiel vom Himmel wie ein Blitz: Das muss eine Traumnachbearbeitung meines gestrigen Fenstervorbeisturzerlebnisses gewesen sein. Ich sah ein glühendes Huschen, aber es stürzte himmelaufwärts, und dabei hörte ich Arvo Pärts sanfte Stimme, dessen wunderbare Komposition Adam’s Passion neulich im Fernsehen zu hören und anzuschauen war: „Unser Stammvater hat alle Katastrophen der Menschheit vorausgeahnt und sich selbst die Schuld dafür gegeben, zuletzt aber wieder die Liebe Gottes gesucht.“ Daher unsere Sehnsucht nach dem Paradies. Alle unsere Vorzeichen deuten in die falsche Richtung, denn sie alle sind selbstfabriziert und eitel. Was in Linz beginnt, endet im Garten Eden.

DAS IST NORMAL

[15]Mein Kopf ist frei von allen Gedanken, die mich zum Denken bringen könnten. „Alles zu seiner Zeit“, pflegte meine Großmutter zu sagen, die mir damals, in meinen jungen wilden Jahren, auf die Nerven ging, weil nichts, was ich sagte, „zu seiner Zeit“ gesagt wurde. „Alles zu seiner Zeit“ war für mich gleichbedeutend mit: „Am besten nie!“ Heute weiß ich, dass meine Großmutter es auch genauso gemeint hatte. Sie, die nie aus ihrer Kellerwohnung weiter hinaus in die Welt kam als bis zum Gemischtwarenhändler um die Ecke oder zum stadtrandständigen Friedhof, war dennoch eine Weltweise. Für mich war nichts normal, für sie alles. Für mich war nichts normal, weil ich jeden neuen Tag in der Zeitung, die wir abonniert hatten – ein „linkes“ Blatt für die kleinen Leute –, dahingehend belehrt wurde, dass es so nicht weitergehen könne. Wie immer es weiterging, so jedenfalls auf gar keinen Fall. Meine Großmutter las die zu dieser Litanei gehörenden Fakten und Kommentare niemals. Sie sagte: „Immer dasselbe.“ Statt des Immerselben las sie die Geburts- und Heiratsanzeigen, außerdem, als Krönung ihres morgendlichen Lesevergnügens, die Todesanzeigen mit den schönen Begleittexten. Dazu sagte sie: „Das ist normal.“ Beim Frühstück werfe ich einen Blick in die Zeitung und was steht da, als Überschrift über dem Leitartikel? „So kann es nicht weitergehen.“ Und plötzlich geht mir doch noch ein Gedanke durch meinen trüben Morgenkopf: Dass es so nicht weitergehen kann – auch das ist normal. Sehr beruhigend!

MEINE KLEINE MORGENMAGIE

[16]Als Kind war ich morgens ein unleidliches Geschöpf, etwas, was man hierzulande einen „Grantscherm“ nennt. Diesen Umstand kommentierte meine elterliche Umgebung gerne – und wie ich fand, reichlich herzlos – mit dem geflügelten Wort: „Er ist halt wieder einmal mit dem falschen Fuß aufgestanden.“ Ich bin morgens immer noch ein Grantscherm – ein Umstand, mit dem es eine zugegeben ziemlich kindische Bewandtnis hat: Jeden Morgen versuche ich, nicht mit dem falschen Fuß aufzustehen, das ist zwanghaft oder, je nach Einstellung zum Weltganzen, magisch. Wie steht man mit dem richtigen Fuß auf? Die Antwort scheint leicht, allzu leicht: Indem man peinlich genau vermeidet, mit dem falschen Fuß aufzustehen. Und während ich, im Bett schon mit beiden Füßen ruckelnd und bereit, die magische Handlung zu vollziehen, mir noch überlege, welches heute der richtige Fuß sein könnte, spüre ich bereits, wie in mir der Grant hochsteigt: Ich habe nicht die geringste Ahnung! Mit welchem Fuß auch immer ich aufstehen werde, es wird der falsche Fuß gewesen sein. Damit lässt sich – vorausgesetzt, man verfügt noch über Spuren dessen, was man früher eine althumanistische Bildung nannte – nur das griechische Schicksal vergleichen. Und so wurzle ich mit meinen beiden Morgenfüßen unversehens in der Tiefe meiner abendländischen Herkunft – ein erhebendes Gefühl, das mir mein Los, wieder einmal mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein, dann doch als ein gutes Omen des anbrechenden Tages erscheinen lässt.

DIE NICHT-SIGNIFIKANTEN ANDEREN IN MEINEM GESICHT

[17]„Seid ihr alle daaaaa?“, hat in meiner Kindheit der Kasperl aus seinem Kasperltheaterkasten heraus geschrillt und dabei mit seinem Kopf gewackelt, sodass wir Kinder dachten, ihm müssten gleich die Ohren wegfliegen. Und wir haben alle geantwortet: „Jaaaaa!“ Mir kommt Kasperls Frage jetzt in den Sinn, während ich mein Gesicht im Badezimmerspiegel betrachte. Ich gebe zu, dass ich dabei die Augen zudrücke. Wem ich was zugebe, ist mir freilich nicht recht klar, da ich beim Nichtbetrachten meines Badezimmerspiegelmorgengesichts allein im Badezimmer bin. Aber bekanntlich ist man ja nie allein. Kaum schlägt man die Augen auf, sind sie alle da. Sie haben sich im Kopf eingenistet, über die vielen Jahre hin, man weiß weder ihre Namen, noch kennt man ihre Gesichter. Es ist die anonyme Masse der, wie die Psychologie lehrt, „nicht-signifikanten Anderen“. Mache ich, nach einem Moment des tiefinnerlichen Missmuts, meine Augen auf, dann sind sie schon alle da – da, in meinem Gesicht, welches mir zugleich abgedroschen vertraut und fühllos fremd erscheint. Ich bin ich im Spiegel, das ist mir unangenehm; aber ich bin auch alle anderen. „Ich ist Nicht-Ich“, lehrte Fichte, der Erzidealist, der sicher keinen Badezimmerspiegel hatte, oder? Ich mache also, wie jeden Morgen, meine Augen auf und rufe meinem Konterfei missvergnügt entgegen: „Seid ihr alle daaaaa?“ Da höre ich draußen E., meine ältere Enkeltochter, die mir quietschvergnügt durch die Badezimmertür antwortet: „Jaaaa!“ Und plötzlich gehört mein Gesicht wieder mir. Das ist schön.

EINS, DREI, NEUN!

[18]Seit gestern weiß ich, dass ich – so jedenfalls drückte sich der gutgelaunte Schilddrüsenspezialist aus – die Schilddrüse eines Elefanten habe. Das klang nach Poesie, bis mir dämmerte, dass unsereiner keine so geartete Drüse haben sollte. Ob Operation oder nicht, derlei Vorfälle haben zur Folge, dass mit zunehmendem Alter aus einer Welt, die einst voll geistiger Poesie war, schon beim Aufwachen eine Wüste trostloser Fakten wird. Man überblickt den Tag und denkt: „Elefantenschilddrüse.“ Aber heute kommt es doch wieder einmal anders. Es kommt nicht nur E., meine ältere Enkeltochter, zu Besuch (ihr „kindergartenfreier“ Tag), sondern meine jüngere Enkeltochter H. kommt gleich mit (ihr „vorkindergartenfreier“ Tag). Die Welt der Fakten, in der ich eben noch lustlos herumstocherte, blüht auf. Denn E. und H. wetteifern, während sie bei der Tür hereinstürmen, darum, wer besser bis zehn zählen kann. E. streckt H. der Reihe nach sieben Finger entgegen und tiriliert: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, eine alte Frau kocht Rüben!“ Das lässt sich H. nicht zwei Mal sagen. Sie streckt E. zuerst drei Finger entgegen und dann gleich beide Hände; dazu jauchzt sie, weil ihr das Zählen heute so leicht fällt: „Eins, drei, neun…!“ Das Lachen der beiden zeugt von ihrer Freude, die poetischen Wahrheiten der geistigen Welt zu erobern. Und schon ist mein Morgen gerettet. „Elefantenschilddrüse“: Jetzt kommt mir vor, das könnte der Titel eines exotischen Abenteuerromans sein.

FREI VON MIR SELBST

[19]Sex ist eine Möglichkeit, Beten eine andere. Darüber hinaus habe ich mir vor langer Zeit schon vorgenommen, jeden Abend, bevor ich einschlafe, mir für den nächsten Tag etwas vorzunehmen. Etwas Sinnvolles, Produktives, mein Leben mit einem Ziel – wie man so sagt – Begabendes. Denn ich leide unter Morgenstress, einmal abgesehen vom Morgengrauen, unter dem ich auch leide. Und vielleicht ist das eine ja die Folge des anderen. Also habe ich mir vorgenommen, mir am Abend für den nächsten Tag etwas vorzunehmen. Die Folge: Abendstress. Denn da ich mir einbilde, ein einfallsreicher Mensch zu sein, habe ich mir außerdem vorgenommen, mir jeden Abend für jeden nächsten Tag etwas Neues vorzunehmen. Dass man lebenslang zu lernen habe, ist ja die Devise unserer Epoche, und unser kategorischer Existenzialimperativ lautet: Erfinde dich neu! Aber die Wahrheit ist, dass keinem Menschen jeden Abend etwas Neues für den nächsten Tag einfällt, besonders dann nicht, wenn der Sex oder das Beten an sich schon erfüllend waren. Also habe ich mir gestern Abend für den heutigen Tag nichts Neues vorgenommen. Und so kam es, dass ich heute mit dem unbeschreiblichen Gefühl aufwachte, den ganzen Tag lang frei zu haben. Ich hatte mir – wie soll ich das am besten sagen? – von mir selbst freigenommen. Endlich! Ich stand mit dem falschen Fuß auf und mir war’s recht. Ich tat, was ich immer tat, nur dass ich es als einer tat, der sich nicht mühen musste, den alten Wein seines Lebens in immer neue Schläuche zu füllen.

DER TÄGLICHE WELTUNTERGANG

[20]„Heute war ein grauenhafter Tag“, erzählte mir meine Bekannte gestern – ein Tag, an dem es ihr am liebsten gewesen wäre, „niemanden mehr zu sehen“. Am liebsten wäre ihr gewesen, die ganze Welt wäre verschwunden. Zack! Vollständige Auslöschung all dessen, was ihren Tag grauenhaft gemacht hatte, also zur Vorsicht die Auslöschung von allem und jedem. Zack und zack! Woraufhin sie mich eine geschlagene Stunde lang damit unterhielt, wer ihren Weltuntergang dennoch hätte überleben dürfen, nämlich ihre vier bis fünf Kinder, ihre sechs bis zehn besten Freundinnen, ihre zwei liebsten Ex-Ehemänner (sie ist der typische Patchworkfamilienmensch) sowie ein Dutzend näherer und fernerer Verwandter. Als mir diese Weltuntergangsgeschichte morgens durch den Kopf geht, befällt mich eine gewisse Besorgnis. Ich schicke meiner Bekannten also eine Morgen-SMS: „Wie geht’s Dir?“, mit einem angehängten Smiley zum allfälligen Trost. Und was schreibt sie mir postwendend zurück: „Supi (!), warum?“ Trost ist das aber irgendwie auch keiner, der stellt sich bei mir erst ein, als ich meine Orchideen betrachte, die gerade ihr Bestes tun, um zu einer prachtvollen Winterblüte anzusetzen, während von der gegenüberliegenden Straßenseite das Gebimmel der dort im Morgenverkehr unbeachtet emporragenden Klosterkirche durchs geschlossene Fenster zu mir herübertönt. Da kommt mir ein typisch philosophischer Gedanke: Solange die Welt täglich bei irgendwem untergeht, geht sie nirgendwo unter.

ZÄUNE NACH NOTEN

[21]Meine Nacht war – wie soll ich sagen? – ästhetisch unruhig. In meinem Buch Gut in allen möglichen Welten, und zwar in allen Auflagen, steht nämlich zu lesen, dass österreichische Fernsehquotenhits wie der Musikantenstadl einer kleinbürgerseligen „Volkstümelei“ huldigen; sie gehörten zum Abstoßendsten, was der Musikmarkt heutzutage befördere. Ich habe mich sogar zu der Aussage verstiegen, dass, wer ungetrübtes Vergnügen an solchen Produktionen finde, einen „psychokulturellen Habitus“ befestige, der allem Nichteingesessenen gegenüber zur Ausgrenzung neige. Für meine schroffen Zeilen wurde ich gestern akkurat von Freunden getadelt, die auf ihr Europäertum stolz sind. Ihr Argument: Erst die authentisch-regionale Musikpflege lasse „echtes“ Volkstum erlebbar werden. Dafür stehe Mei liabste Weis („Meine liebste Melodie“), die gestern unser Staatsfernsehen wieder einmal stundenlang zelebrierte, während die monumentale Solidaritätskundgebung auf dem Wiener Heldenplatz, Voices for Refugees – etwa hunderttausend Teilnehmer –, von einem kleinen Privatsender ausgestrahlt wurde. Erst die Arvo-Pärt-Musik, die gerade jetzt, tiefsonntäglich, im Radio läuft, befreit mich von meinem Selbstzweifel: Mögen die „Buam und Madln“ aus irgendwelchen hinteren Talwinkeln Österreichs auch in der „liabsten Weis“ jodeln und zungenschnalzen und zitherzupfen und die Ziehharmonika quetschen – ihre Heimatgesänge sind selbstversonnen geflochtene Bodenständigkeitszäune, nach Noten auftrumpfend gegen alle Heimatlosen.

LEBE DEN TAG!

[22]Heute blieb mir keine Zeit, mit dem falschen Fuß aufzustehen. Ich bin mit beiden Beinen aus dem Bett gesprungen. Das ist kein gutes Zeichen. Bettflucht! Und warum? Weil ich einen dieser hyperrealen Morgenträume hatte, in denen immer etwas Schreckliches in 3-D passiert. Ich hatte geträumt, der von mir am meisten gefürchtete Gymnasiallehrer, natürlich ein „Lateiner“, habe mich zum ich weiß nicht wievielten Male mit dem blödesten Spruch des klassischen Menschentums traktiert: Carpe diem. Was heißt, man solle den Tag nützen? Ein Tag, der es nur verdient hätte, gelebt zu werden, weil man ihn „genützt“ hat – das wäre ein denkbar schlecht gelebter Tag, nicht wahr? Meinem Lehrer, der geradlinig entlang der Notenskala von Eins bis Fünf dachte, war diese Dialektik wesensfremd. Ich hingegen hatte, offenbar als Folge einer frühen Fixierung, mir ungesunde Gedanken zu machen, die fixe Idee, dass ein bloß „genützter“ Tag am Schluss „abgenützt“ sein müsste, so, wie man Werkzeuge abnützt oder Schuhsohlen durchläuft. Ein wahrhaft gut genützter Tag hingegen hätte einer zu sein, der, sobald es Abend geworden ist, eine – wie soll ich’s sagen? – Lebendigkeitsspur hinterlässt. Was bleibt, ist nicht der Nutzen, sondern das Andenken. Und so lege ich mich wieder ins Bett, um noch einmal aufzustehen, wie üblich mit dem falschen Fuß hinein in die ewig verfließende Zeit mit ihrem ewigen Memento Mori: Carpe diem, „Lebe den Tag!“ (Ja, falsch übersetzt, du dummer alter Lateiner: Lebe den Tag!)

UND DAS WAR DAS

[23]Dringende Morgenangelegenheiten sind zu erledigen. Beim Frühstückstisch sagt meine Frau, mit einem Blick nach draußen: „Die Blätter fallen schon von den Bäumen. Wie rasch die Zeit vergeht.“ Ich wende ein, dass es erst 6 Uhr wird und dass um diese Zeit vor unserem noch immer nachtdunklen Fenster nichts zu sehen ist. Meine Frau erwidert, dass dies weder die Bäume daran hindere, sich zu entlauben, noch die Zeit daran, zu vergehen, und zwar rasch. Und wieder wirft sie, wie um mich zu widerlegen, einen Blick aus dem Fenster, worin sich der Lichtschein unserer Frühstücksecke spiegelt. Und weil ich morgens dazu neige, außer einem trägen Kopf, in dem es graut, Einsichten zu haben, verstehe ich plötzlich den Blick meiner Frau durchs Fenster. Wir sehen kaum etwas, sind fast blind. Wir sehen in einem dunklen Spiegel rätselhafte Zeichen. Wir deuten die Zeichen, deuten auf sie hin, mit Blicken, Worten, allerlei Gesten und Werken. Und so, indem wir der Welt bestätigen, dass sie ist, wird sie. Das erkläre ich jetzt meiner Frau, ein wenig dozierend, nachdem ich einen köstlichen Bissen meines mit Butter und Marmelade bestrichenen Frühstücksbrötchens hinunterschluckte. Worauf meine Frau trocken erwidert: „Aber die Zeit vergeht, ob du gescheit daherredest oder nicht.“ Und auch ein Blick aus dem bereits aufhellenden Fenster zeigt: Die Blätter fallen von den Bäumen. „Und das war das“, wie ein berühmter Zen-Meister zu lehren pflegte, bevor er seinen Schülern mit dem Stock auf den Kopf schlug.

I AM THE SECOND LAST ONE

[24]Vor einigen Tagen schon habe ich eine Einladung erhalten, bei einer mehrbändigen anthology mitzuschreiben, contributer zu sein mit einem paper (peer-reviewed, versteht sich), unter Federführung eines hochkarätigen editorial board, na schön. Die Herausgeber sind deutsche Universitätsprofessoren, der Verlag ist ein deutscher Universitätsverlag, die Sprache der Beiträge ist verpflichtend englisch. Es geht darum, einen möglichst großen facheinschlägigen Leserkreis und eine möglichst hohe Punktezahl nach den üblichen Bewertungsrichtlinien für akademische Publikationen zu erreichen. Gestern wollte ich bereits zusagen. Heute Nacht jedoch ertappte ich mich selbst dabei, wie ich auf Englisch träumte. In Erinnerung blieb mir eine Traumwortphrase, und zwar, vermutlich als Nachklang des gleichnamigen Films mit Helen Hunt und Jack Nicholson: As good as it gets. Also alles was recht ist, das geht zu weit! Der Film ist toll, trotzdem werde ich kein „paper“ abliefern, „so gut es eben geht“. Jüngst erst schrieb Botho Strauß zum wiederholten Mal, er sei „der letzte Deutsche“. Dafür wurde er von den Feuilletondeutschen gleich niedergemacht. Heute Morgen erlaube ich mir nun den kleinen Größenwahn, der zweite Letzte sein zu wollen, ungeachtet der Tatsache, dass, wenn überhaupt, ich nur der zweitletzte Österreicher sein könnte. Mit dieser enigmatischen Begründung – I am the second last one – sage ich meine Teilnahme ab. Ein sprachprovinzieller Tag liegt vor mir, ich fühle mich dabei weltmännisch.

DAS BEDÜRFNIS, DANKBAR ZU SEIN

[25]Grundlos mit runden Augen aufgewacht. Ich kann das nicht anders sagen. Ich bin aufgewacht in die milde Stille und ruhige Dunkelheit des Schlafzimmers hinein. Neben mir atmet meine Frau. Ich stehe auf – und nein, mir ist nicht zumute, als ob ich die Dinge rund um mich zum ersten Mal sähe. Keiner dieser sagenhaften Momente, moments of being. Nichts Mystisches. Es ist das liebe Altgewohnte, das sich vor mir breitet. Das Wort „traulich“ passt hier. Im frühmilden Morgenlicht, das den Wohnraum und die Frühstücksecke erfüllt, scheinen die Dinge einander traulich zugetan. Es ist, als ob mir an diesem Morgen bedeutet werden sollte: Du bist zuhause. In allem schlummern unheimliche, schreckliche Möglichkeiten; doch man kann bei den Dingen auch zuhause sein. Ich blicke aus dem Fenster. Tief unten, fünf Stockwerke tiefer, auf der vorbeiführenden Ausfahrtsstraße, müht sich gerade eine alte Frau, die gegenüberliegende Kirchentüre zu erreichen. Ich sehe die abbröckelnde Fassade der alten Klosterkirche (das Innere des Klostertrakts liegt wie immer verlassen da), und auch davon scheint ein Friede auszugehen. Die alte Frau hat es endlich geschafft, humpelt die Kirchenstufen hinauf, um die schwere Holzpforte zu öffnen. Ich habe das Bedürfnis, dankbar zu sein. Wem dankbar? Niemandem, allem, finis philosophiae (und es dauert ja nie lange), also werde ich das Gewohnte tun: Gleich wird sich der Duft des durchrinnenden Filterkaffees in der Wohnung ausbreiten und meine Frau aus dem Bett locken.

DAS WACKELN MEINER ZEHEN

[26]Im Traum meine Füße gesehen. Sie gehörten aber nicht zu mir. Ich wachte schreiend auf. Es musste sich um einen jener Depersonalisierungsalbträume gehandelt haben, die kurz vor dem Aufwachen eine Tiefenwahrheit des Ich ins Bewusstsein spülen. Ich habe mir das einmal von einem mir befreundeten Traumexperten auseinandersetzen lassen. Es sollen besonders die philosophisch fixierten Geister sein, die im Traum ihre Glieder betrachten, bloß, um festzustellen, dass sie nicht zu ihnen gehören. Derlei Geister, so hat mir der Traumexperte erklärt, mit dem ich seither weniger gut befreundet bin, seien „psychisch labil“, wenn nicht sogar „gefährdet“. Nachdem mir meine neben mir seelenruhig schlafende Frau ihren Arm beruhigend übers Gesicht legte, betrachte ich unter ihrem Arm hindurch meine unten aus der Bettdecke herausragenden Zehen. Sind das meine? Natürlich. Ich wackle mit ihnen. Sie wackeln. Sie wackeln sozusagen munter zurück. Das lässt jetzt doch wieder ein kleines Flämmchen des Grauens in mir aufflackern. Wenn ich es bin, der mit seinen Zehen wackelt, wie wäre es dann möglich, dass sie zurückwackeln? Gleich aber versuche ich, mich damit zu beruhigen, dass es ja Gott sei Dank meine eigenen Zehen sind, die zurückwackeln. Und doch, und doch … Da der beruhigende Arm meiner Frau mittlerweile meine Augen vollkommen bedeckt, kann ich meine Zehen nicht mehr sehen. Schönes Gefühl. Man darf eben nicht zu viel von sich selbst sehen, um mit sich selbst im Reinen, das heißt, eins zu sein.

DANKE, LIEBER GOTT!

[27]Ich bin kein Beter. Also bin ich auch kein Morgenbeter. Als Kind wurde ich ohne Nachdruck angehalten, morgens zu beten. „Lieber Gott, mach …“ Immer lief es darauf hinaus, dass der liebe Gott, der mir nachts einen Schutzengel gesandt hatte, um über meinen Schlaf zu wachen (ein einschlägiges Bildchen hing über meinem Bett), etwas machen sollte. „Lieber Gott, mach, dass ich dem Karli nicht wieder eine reinhaue.“ Ich habe dem Karli tatsächlich einmal eine reingehauen, weil er, immerhin mein Sitznachbar in der Elementarschule, mich verpetzt hatte. Ich komme aus keiner besonders religiösen Familie. Sei’s drum, als ich heute Morgen aufwachte, hatte ich das dringende Bedürfnis, Gott zu danken. Keine Ahnung, warum gerade heute (ich habe ja allen Grund, immerfort dankbar zu sein). Ach, ich wusste nicht, wie man Gott dankt. Danke, lieber Gott? Das wäre kindisch. Heute werden meine reizenden Enkeltöchter E. und H. kommen; auch meine Tochter wird vorbeischauen. „Danke, lieber Gott!“ Jetzt war’s mir trotzdem herausgerutscht, und da mich aber keiner dafür zur Rede stellen wird, was ich soeben vor mich hingemurmelt habe, brauche ich mich auch nicht zu genieren, dass ich auf eine ganz und gar kindische Weise dankbar bin: für alles dankbar. Ich weiß nicht, ob Gott existiert, doch ich bin für alles dankbar, auch dafür, dass ich damals – in jener fernen, fernen Zeit – dem Karli eine reinhauen durfte. Das gibt meinem Morgen eine heitere Note. (Entschuldige, Karli!)

FÜR DEN MANN ÜBER 40

[28]Man kann auch zu viel beten. Ein Rosenkranz am Morgen sei genug, drei seien eindeutig „bigott“. Das wurde mir einst von einer resolut religiösen Verwandten zweiten Grades erklärt, die mich zu Kuchen und Kaffee eingeladen hatte. Der Anlass ist mir entfallen, die Verwandte längst selig entschlummert. Ich habe gerade im Internet nachgeforscht, wie lange es dauert, einen Rosenkranz zu beten. Schwer zu sagen. Ich bin auf ganz unterschiedliche Angaben gestoßen, darunter jene, wonach es im Kreise glaubensrüstiger Katholiken üblich sei, alle „Gesätze“ des Rosenkranzes mit seinen vier Geheimnissen über die ganze Woche zu strecken: freudenreicher, lichtreicher, schmerzvoller, glorreicher Rosenkranz. Das finde ich schön, die Woche beginnt freudenreich und endet glorreich – ordentlich und mit Augenmaß. Nirgendwo sind ja Ordnung und Augenmaß so wichtig wie beim Umgang mit den heiligen Dingen. Nichts ist hässlicher als Bigotterie. Na ja, fast nichts, denke ich heute Morgen, da ich, angeekelt von den politischen Weltdingen, statt in die Tageszeitung einen Blick in eine jener bei uns herumliegenden Feel-Good-Hochglanzbroschüren, Für den Mann über 40, geworfen habe, während die Brötchen im Ofenrohr fertigbacken (60 Grad, Umluft, 5 bis 6 Minuten). Da steht zu lesen, notabene als Aufmacher quer über die Titelseite: „Morgensex, 1 Mal, 2 Mal, 3 Mal, nie genug!“ Hab ich was versäumt? Zum Glück sind die 5 bis 6 Minuten um. Ich spiele mit dem Gedanken, doch noch Rosenkranzbeten zu lernen.

ALLES HAT SEINE ZEIT

[29]Apropos Morgensex. Das Lebenskunstmagazin Für den Mann über 40Der Wachtturm