image

Peter Strasser
Mein Abendland

Peter Strasser

Mein Abendland

Versuch über das unerreichbar Nahe

image

Umschlagabbildung:
Ausschnitt aus einer Bildmontage von Mario Kaiser
http://www.avenue.jetzt/cyborgs/im-igestell/

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielfältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung auf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 UrhG ausdrücklich gestatten.

© 2017 Wilhelm Fink Verlag, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland)

Internet: www.fink.de

Einbandgestaltung: Evelyn Ziegler, München
Herstellung: Brill Deutschland GmbH, Paderborn

E-Book ISBN 978-3-8467-0008-2
ISBN der Printausgabe 978-3-7705-6210-7

Hinweis: Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe (1. Auflage 2017).

Inhalt

Prolog

1. Vorbemerkung: 1956 – 2016

2. Hinführung: Auf der Flucht

Teil I: Dämon

3. Wir sind das Volk!

4. Wir Entwurzelten

Teil II: Zähmung

5. Hier ist der Westen

6. Zähmung des Radikalbösen

Teil III: Schöpfung

7. Nach Sonnenschein kommt Regen

8. Mein Abendland, kosmisch betrachtet

Teil IV: Sehnsucht

9. Ein Ort ohne Koordinaten

10. Das unerreichbar Nahe

Notiz zur Entstehung

Anmerkungen

Prolog

1.

VORBEMERKUNG: 1956 – 2016

[9]„Hier noch, so weit der Westen geht, so weit Rom und Griechenland reichen (kurz gesagt), steht einer allein zwischen den gepflegten Beeten und dem Porticus des Hauses, daraus ihn nach Recht und Gesetz niemand soll vertreiben können. Er steht für sich allein, um ihn ist die blaue linde Luft, er steht allseitig frei, wie ein Standbild. Nur so kann er’s machen, nur so kann er groß oder klein, krumm oder grad, gut oder schlecht sein. Nicht aber, wenn er sich demutsvoll fügt, sich hineinjagen und einreihen lässt in irgendeine wandernde Herde, und Leidenspille nach Leidenspille schluckt, und noch eine dazu und noch eine obendrauf, und dabei denkt, es müsse eben so sein.“ (Heimito von Doderer1)

Sechzig Jahre später … Wer heute über das Abendland eine große, dichte, weitgespannte Abhandlung schreiben wollte, würde bloß eines zuwege bringen: einen Vermessenheitstext. Keiner steht mehr allseitig frei und hat die offene Umsicht, wie uns Doderer in den Neunzehnhundertfünfzigerjahren glauben machen wollte; alle sind längst in die „Umstände“ verstrickt, die wir höchstens um zwei Zeit-Ecken herum überblicken. Dennoch dürfen wir das Thema nicht aus den Augen verlieren, sonst verlieren wir auch noch jenes Augenmaß, das uns geblieben sein mag.

Die folgenden Reflexionen sind zur Zeit der großen Flüchtlingskrise in Europa entstanden. Es sind somit – wenn dieser Ausdruck gestattet ist – grundsätzliche Gelegenheitstexte, die einer Spur folgen, einer Friedensspur, und zwar aus der Perspektive des am Zeitfenster Plattgedrückten ebenso wie des Philosophen, der sich anmaßt, über die Welt als Schöpfung nachzudenken. Irgendwie fließt alles in eins: Das ist das perennierende abendländische Vor-Urteil.

Das Abendland ist zu einem Gelegenheitsort geworden; zugleich jedoch ist es nach wie vor ein Ort des endzeitlichen Rumors und der tiefen Sehnsucht: ein Nirgendwo-Land, eine transhistorische Utopie unter dem posthistorischen Treibsand.

2.

HINFÜHRUNG: AUF DER FLUCHT

[11]Aus Gründen, die sich gewiss erforschen ließen – was lässt sich heutzutage nicht erforschen? –, ist für mich einer jener eher dunklen Orte, an die sich die Vorstellung „Abendland“ heftet, der Wald, namentlich der „dunkle Tann“, der in meiner Kindheitsphantasie eine nicht unbedeutende Rolle spielte.

Es bedarf keiner eingehenden Erläuterung, um diese Verbindung plausibel zu machen. Viele der Märchen und, später, Sagen, die ich über meine Kindheits- und Jugendlektüre gleichsam einsog, spielten in den Wäldern, besonders den Wäldern des Nordens, wo immer diese geografisch gelegen haben mochten. Auch der Norden der Kindheit ist eine mythische Dimension, aber eben nicht nur der Norden.

Im tiefen Wald wohnte die Hexe, dort trieben sich allerlei Geschöpfe herum, die in Baumhöhlen und unter den Wurzeln ihr Dasein fristeten. Ja, selbst die Bergwerke, aus denen das wundersame Erz gewonnen wurde, lagen immer weitab von der Zivilisation, tief verborgen in einer Wildnis, die dicht umstanden war von raunendem Gehölz. Das hatte samt und sonders eine Atmosphäre, von der man später erfuhr, dass sie von ihrer Her- und Abkunft aus den Märchen der Gebrüder Grimm und jener von Hans Christian Anderson stammte. Doch das war bloß ein Teil des Waldes, der sich zu einem Gefühlsraum weitete, aus dem mein Abendländisches erwuchs.

Dazu kamen die Götter und Stämme und Helden des Nordens, sagengetränkte Ableitungen der einstigen Völkerwanderungen. Und mit ihnen kam das Blut. Aus Helden wurden „Recken“, die das Schwert hineintrieben in die Leiber derer, die sich ihnen in den Weg stellten. Die Gottheiten, denen sie opferten, wohnten nicht auf dem sonnenumfluteten Olymp, sondern an einem Ort, der in den Sagenbüchern als „Walhalla“ den Eindruck erweckte, ein riesiges dunkles Schloss oder eine Trutzburg zu sein, worin es niemals Tag wurde. Und über allem lag eine Tragik, die einer Ur-Schuld entstammte, welche mit zauberträchtigen Dingen verwoben war, deren sich etwas Böses bemächtigt hatte. Gutes Ende konnte es in dieser Welt keines geben, an alle Erlösung war der Tod geknüpft.

Mag sein, von ferne herein leuchtete da und dort der irrlichternde Schein einer Auferstehungshoffnung, aus der umrisshaft Christusartiges [12]hervorstrahlte. Denn in der phantastischen inneren Welt des jungen Lesers verschmolzen die Märchen- und Sagenkreise zu einem Kaleidoskop der Stimmungen, worin ein Hagen von Tronje im Untergrund jener Welt rumorte, die sich rund um den Tisch der Tafelrunde des König Artus und seiner edlen Bewahrer des Kelches entfaltete, dahinein das Blut des Erlösers getropft war.

Wagner und Wagners Musik – wie überhaupt die große Romantik und Spätromantik – kam viel später dazu, sie ließ die waldgetränkte Seele einsinken in die Große Tragik der Welt. Oder aber sie stieß sie ab und ließ den Halbwüchsigen nun endlich dem Licht zustreben, den lumières, die vom Westen her einstrahlten, aus den Städten kamen, der Zivilisation, wo nachts die Straßen mit elektrischem Licht erleuchtet waren. Dort hatten sich die freien und gelehrten Geister längst von allem Zauberkram freigemacht. Die Wälder sanken zurück, die Schornsteine der Holzindustrie stiegen in die rauchverhangen graue Höhe.

Und nun gehört es aber für mich zu jener Erweiterungsbewegung, durch die mein Abendland zusehends seine Konturen gewinnt, dass den „Wäldern des Nordens“ eine Zeit des Erblühens der Seele gegenüberstand – die zeitlose Zeit im Garten, worin sich nicht Wälder endlos streckten, sondern Obstbäume voller Früchte standen, darunter, wie wir wissen, der Baum mit der verbotenen Frucht. Es war späterhin eine orientalische Sehnsucht, geboren aus Trockenheit und Wüste und Hitze, die in den Gärten blühte, in denen die Quellen sprudelten; das tat den Geheimnissen des Waldes, ihren funkelnden Ursprüngen, die aus den Abgründen der Erde aufstiegen, keinen Abbruch.

Beides zusammen, das doch gar nicht zusammenpassen wollte, ergab jene Abenteuerlichkeit und Unruhe, die das Abendland als einen Ort kenntlich machte, von dem man immer schon innerlich weggegangen war. Und der Sinn des Lebens, des Volkes, ja des Ganzen bestand darin, eines Tages nach dorthin zurückzukehren, wo man doch nie endgültig zuhause sein würde. Das Zuhause war und blieb, solange die Lebensreise währt, das unerreichbar Nahe.

Die abendländische Gewalt ist so schrecklich, weil sie keinen Platz der Lebensruhe hat. Ruhe gibt es nur im Tod. Mit dem Ende der zauberischen Wälder wird auch die Unruhe eine andere. Nichts hindert sie mehr daran, als ein reines Phänomen des Überlebenstriebs und der Raffgier universal zu werden. Man nannte das die „modernen Zeiten“. In ihnen fielen die Wälder wie Zündhölzer im Sturm, bis sich die Gewissheit Bahn zu brechen begann, dass eine entwaldete Welt ein Schrecken wäre, der sich auf Erden nicht wieder gut machen ließe.

[13]Dahinter steckte mehr als bloß ökologische Besinnung. Aber diese wurde eben zum Motor einer neuen Epoche. Jenseits der Wälder des Abendlandes begann die Epoche der Naturschutzgebiete, was bedeutet: der Mythos war endgültig tot. Und mit ihm starb das Abendland der Wälder. Nun bewundern wir die ältesten Bäume der Welt, sie sind zu Kulturdenkmälern der Menschheit geworden. Der älteste Baum der Welt ist vorerst eine Gemeine Fichte (Picea abies), die in einem schwedischen Nationalpark steht; ihr Alter: 9.550 Jahre. Und das ist noch nicht alles, was das Naturweltbuch der Rekorde zu bieten hat. Im Fishlake National Forest in Utah wurde eine Kolonie von Zitterpappeln (Populus tremuloides) ausgemacht, die über ein Wurzelgeflecht miteinander verbunden sind, das ein Alter von etwa 80.000 Jahren haben soll.2

Es lässt sich indes nicht leugnen, dass das Abendland als ein kulturprägendes Metaphysikum, das Abendland meiner Wälder aus den Büchern und einer nichtdigitalisierten Phantasie – einer Phantasie, der die Tiefe des Ahnens, des „Ahndungsvollen“ eignete –, heute nur noch in den Köpfen einiger altgewordener Europäer existiert: als die Erinnerung an die Erinnerung von etwas, wonach man sich zuinnerst sehnte. Man kann diesen Kontinent nicht finden, weil er auf jenen Landkarten, durch die uns heute die Global Positioning Systems (GPS) leiten, unauffindbar ist.

Dennoch scheint der verlorene Kontinent meiner Kindheit und Jugend irgendwie, im Untergrund, als Rumor, da zu sein. Und weil wir uns nach ihm nicht mehr sehnen können – worauf sollte sich in der Epoche der Posthistoire und Neurophysiologie die Sehnsucht richten? –, behaupten die metaphysisch Ausgehungerten und politisch Scharfgemachten hierorts, wir seien unseres Eigensten beraubt worden. Aus den Traumwäldern von einst, die wir selbst geistig rodeten, brechen wir nun wieder als Barbaren hervor, die, weder Christen noch Abendländer, sich als Flashmob formieren, um das christliche Abendland zu retten.

„Titanenkampf und Götterdämmerung sind metahistorisch – sie greifen aus der Natur und dem Kosmos in die Geschichte hinein. Zeitlich betrachtet, ist anzunehmen, dass die Titanen den Göttern vorhergingen und das Chaos verwalteten. Dem folgt der Mythos – Titanen sollen die Götter gezeugt und gelehrt haben. Ihr Aufstand bringt den Olymp ins Wanken – sie werden von Zeus gebändigt und in die Unterwelt verbannt. Aber sie kehren wieder …“3

Ernst Jünger sagte im letzten Jahrhundert voraus, dass wir nach der Jahrtausendwende eine Zeit des „Interim“ erleben würden. Die Götter, [14]so Jünger in seiner Spätschrift Gestaltwandel, werden sich zurückgezogen haben. Wir werden, so Jünger weiter, in einer Epoche der „Titanen“ leben, der weggesperrten Urtümlichen, Elementaren, die wieder auftauchen und darauf aus sind, ihre Ur-Macht zu festigen. Dazu wird es der Entfesselung aller Kräfte, Energien und Gewalten bedürfen.

Jüngers Szenario: Die Demokratien, wie sie sich im Westen erst seit Kurzem, seit dem Zeitalter der Aufklärung, verfestigt haben, werden teils langsam, teils ruckartig verschwinden. Angesichts der drohenden Atompotenziale wird man sich hüten, einen dritten, weltumspannenden Krieg zu beginnen. Das wäre wohl der letzte, den die Menschheit geführt hat. Aber unter dem Druck angemaßter Übermenschen und zunehmender weltweiter Verelendung werden die Bürgerkriege breitflächig, unerbittlich und mit allergrößter Grausamkeit zunehmen.

Staatlicherseits wird man die Freiheitsrechte der Bürger immer drastischer einschränken. Die Menschenrechte werden zu rhetorischen Figuren im diplomatischen Verkehr herabgestuft, Polizei und Militär im Gegenzug rasch an Bedeutung gewinnen. Ebenso wird der Terror zunehmen. Aktion und Reaktion werden nicht mehr auseinanderzuhalten sein, der Überlebensdruck wird sich nicht mehr hinter der Maske der Zivilisation verbergen. Was die Radikalisierung des Islam betrifft, so urteilte Jünger, diese sei – „titanisch gesehen“ – zeitgemäß. Der islamistische Terror wäre demnach keine religiöse Erneuerung, kein Zeichen für die Wiederkehr der Götter.

Man mag Jüngers Rückgriff auf den altgriechischen Titanen-Mythos, wie er in Hesiods Theogonie zu Ende gedichtet wurde, als irrational abtun. Zu Unrecht. Es sind die Götter, welche die Gewalten des Anfangs brechen, dessen urtümliche Repräsentanten wegsperren und über die Jahrtausende hin einen verwickelten Prozess der Zivilisation durchschreiten, nein, „durchleiden“ – solange, bis sie selbst müde und fadenscheinig geworden sind.

Am Ende ziehen sich die Götter, zusammengewachsen zum Gott des Monotheismus – zum „Gott aller Menschen“, der eine zwar transzendente und dabei aber eminent ethische Größe ist –, aus der Welt zurück. Gleichzeitig gewinnen die titanischen Energien wieder an Macht, nun eingewandert in alles Technische, aber auch Politische, das keine Autorität über sich zu dulden gedenkt.

Blickt man auf die Entwicklung, die sich im „entzauberten“ Europa seit der Jahrtausendwende mehr und mehr herauskristallisiert, dann wird vor allem die Schwäche jener Politiken deutlich, die – in wenn auch verschleppter und ausgedünnter Form – noch immer das Erbe von Christentum, Humanismus und Aufklärung in sich tragen.

[15]Die neuen Herren (darunter viele weibliche Gestalten), die sich ins Zentrum der Macht schieben, indem sie erfolgreich behaupten, die Vox populi hörbar und bald auch spürbar zu machen, sind, äußerlich oft unansehnlich, ihrem Auftrag nach „titanische“ Gestalten: Sie befeuern das dämonische Urwesen, das in jedem Kollektiv schlummert, sie öffnen den Keller der Instinkte, welche zur Opferbereitschaft und zur Mordlust drängen: zur Lust daran, den Himmel auf die Erde herabzuholen, indem alles, was dem eigenen größenwahnsinnigen Trachten, der eigenen Gier zur Selbstvergottung entgegensteht, ausgelöscht wird.

„Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“ Das war Titanismus als Massenkult, unterstützt von den Riesenmaschinen, die der Zeit entsprachen. Jünger sprach vom Kult des „Arbeiters“, heute treten uns nicht mehr glühende Stahlöfen, Dampfhämmer und eine gigantische Kriegsproduktion vors innere Auge, sondern die elektronische Hightech-Welt, in deren Hinter- und Untergrund freilich die Silos mit den Atombomben und chemischen Waffen darauf warten, endlich entsiegelt zu werden, um das Inferno über die Welt zu bringen.

Wesentlich an den titanischen Epochen ist ihr grundlegender Amoralismus und eine „Wut“, die sich gegen alles richtet, was man nicht selbst ist. Zu lange musste man im Dunkeln ausharren, als Teil des tellurischen Heeres der Verfemten, während an der Oberfläche die Schalmeienklänge einer sogenannten „Menschlichkeit“ und ihrer „Rechtskultur“ dafür sorgten, dass sich am Schluss jedwede absolute Autorität, allen voran die der Götter und des Gottes, in ein hässliches Gezänk auflöste – Ausdruck dafür, dass die vitalen Kräfte des Lebens blockiert und zersetzt worden waren.

Der Gott Israels, JHWH, hat sein Volk mit flammender Liebe, die sein zornmütiges Wesen mit Großmut veredelt, durch die Fährnisse einer grausamen Welt begleitet. Gewiss, sein Zornesmut ist den Seinen oft auch ein Joch gewesen. Jahwe wollte sein Volk sogar vernichten, weil es ihm den nötigen Gehorsam verweigerte. Aber das Höchste war und blieb die Liebe. Als der Herr die Stämme Israels aus der Gefangenschaft Ägyptens herausführt, ins Exil, hinein in die Mühsal einer langen Wanderschaft, da liegt über der Flucht das Heilsversprechen: Das Volk Gottes wird das Gelobte Land sehen und betreten dürfen.

Die Vorgänge rund um diese Flucht sind archaisch, blutig, gewaltdurchtränkt, aber eben von der „Besorgnis“ des einen Gottes erfüllt. Im Laufe der Zeiten wird aus dieser Besorgnis – und dem damit verbundenen Heilsversprechen – eine Verpflichtung, welche der ganzen zivilisierten Menschheit denen gegenüber obliegt, die vor ihren Feinden [16]oder einer unerbittlichen Natur gezwungen sind, auf die „Wanderschaft“ zu gehen, hinaus und hinein in eine Fremde, worin man umkommen wird, falls nicht Hilfe gewährt wird. Mit dem Rückzug der Götter aus der Welt und damit dem Verfall des Mythos, der einer höheren Gerechtigkeit gewiss war, wird der Mensch, der doch des Menschen Wolf ist, zur „Schutzmacht“ derer, die auf der Flucht sind – vor wem auch immer, vor was auch immer.

Auf der Flucht zu sein, hieß seit jeher, jenseits aller Rechtssicherheiten zu existieren, den wilden Tieren, dem Hunger und Durst, den Wegelagerern und Totschlägern preisgegeben. Der Mensch auf der Flucht, der sich nichts zuschulden kommen ließ, als zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, ist der Hilfsbedürftigste. Wer ihm nicht hilft, wer hier den Rücken kehrt, der hat die schlimmste Sünde begangen. Er war nicht bereit, den Schutzauftrag des Gottes, der sich zurückgezogen hat, mit allen verfügbaren menschlichen Mitteln wahrzunehmen.

An die Stelle des vor Liebe brennenden Herzens Gottes tritt nun die unbedingte Pflicht zur Barmherzigkeit, deren oberstes christliches Prinzip sich in der Nächstenliebe offenbart. Wer immer du sein magst, Bruder, Schwester, die du deine Heimat, deine Familie, dein Volk verlassen musstest, wir werden dir beispringen! Im Prinzip der Nächstenliebe – zumal der profan skandalösen Feindesliebe – ist das Göttliche gegenwärtig. Barmherzigkeit zeigt sich darin, dass weder nach Ansehen noch nach Würdigkeit gefragt wird.

Man muss sich heute fragen, ob das menschenmögliche Maß an Nächstenliebe, Ausfluss einer im Transzendenten wurzelnden Barmherzigkeit, noch stark genug ist, um gegen den Andrang der amoralischen Ur-Mächte standzuhalten – stark genug, sobald der brennende Dornbusch kalt und tot vor uns steht. Eine kurze Zeit, zweihundert, dreihundert Jahre lang, seitdem Humanismus und Aufklärung Wirkung entfalteten, mochten die fortschrittlichen Geister guten Willens (und bisweilen reinen Herzens) denken, die „Menschlichkeit“, zumal im Einklang mit dem von Kant geforderten „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, würde reichen.

Das 20. Jahrhundert, die Bestialität zweier Weltkriege mit ihren Millionen Toten, hätte uns eine immerwährende Lektion erteilen müssen. Doch der Nachkriegsoptimismus ließ in den zivilisierten Gegenden der Welt noch einmal die Hoffnung aufkommen, dass der Mensch dem Menschen kein Wolf zu sein brauche, auch wenn er sich bereits ganz dem Diesseits übereignet hat. Im Gegenteil, so hieß es, erst jenseits von mythischer Bannung und religiöser Gängelung, jenseits von Himmelshoffnung und Höllendrohung, beginne ein Reich der Freiheit, [17]worin die Würde eines jeden, ohne Ansehen der Person, bewahrt werden könne.

Das alles war, wie wir jetzt zu ahnen beginnen, womöglich bloß eine Illusion, der schöne Traum vom „autonomen Menschen“ und den Bindungskräften einer „universalen Ethik“, die den rechten Weg weisen würde, sodass die Menschheit letzten Endes zwanglos zu einer Solidargemeinschaft zusammenfände.

Hic Rhodus, hic salta! So tönte es einst. Und heute haben sich die Heere der nun Heimatlosen in Bewegung gesetzt, und sie werden von selbst, um ihr Leben, ihre Familie, ihre Selbstachtung besorgt, nicht mehr aufhören, auf der Flucht zu sein – solange, bis ihnen irgendwo eine neue Heimat zuwächst. Wir, die im Wohlstand leben, uns Europäer nennen und darauf stolz sind, „aus der Geschichte gelernt zu haben“, sind in Wahrheit schon längst dabei, unsere Nachkriegsrhetorik zu revidieren. Jünger würde wohl die Diagnose stellen, dass unsere „Menschlichkeit“ zusehends zu einer Funktion des modernen Titanentums geworden sei.

Eine urmächtige Angst, uns im Kampf ums Überleben nicht gegen die heranströmenden Massen der Elenden durchsetzen zu können, macht sich in unseren Herzen breit. Während auf den Meeren, zusammengepfercht in schwankenden Booten, die der Last nicht standhalten, Tausende und Abertausende ertrinken, Männer, Frauen, Kinder, tönen bei uns, die wir auf dem Trockenen sitzen und hinausschauen auf die Todesstätten, die Propheten des Untergangs immer schriller: Jawohl, wir werden untergehen, als Volk, als Staat, als Kultur, falls wir nicht jene untergehen lassen, die auf der Flucht sind. Nein, nicht untergehen lassen (wir bleiben vorerst sprachlich noch „human“), aber wegdrängen, abschieben, in meerumzäunten Konzentrationslagern bündeln, und zwar rasch und umfassend …

Es ist, als ob wir in der schwarzen Science Fiction lebten; als ob, bei höchstem technischen Knowhow, der Kampf der Welten ausgebrochen wäre, unter maximalem Einsatz aller Ressourcen. Das ist die Paranoia, die mit dem Wiederauftauchen der titanischen Urgewalten nach dem Rückzug der Götter unsere Seelen zu durchfluten beginnt. Volk-ohne-Raum-Phantasien treiben gespensterhaft durch die Gehirne. Statt in christlichen Kategorien zu denken, denkt man wieder in kontinentalen Verschiebungsstrategien, „großraumpolitisch“ eben.

Das ist authentisch militärisches Räsonnement, eine hysterische Vorlaufbewegung zu künftigen Endzeitszenarien. Die Millionen und Abermillionen, die heute auf der Flucht sind, sind uns, nach einer kurzen [18]Phase aufflackernder Willkommenssentimentalität, zu einer existenzbedrohenden massa damnata geworden, die allerlei Teuflisches, Vampirisches und hochexplosiv Terroristisches mit sich führt.

Taumeln wir, nach dem Durchschreiten der Götterdämmerung, einer neuen Nacht entgegen, einer Nacht des Menschen, worin dieser sich zum Agenten der grausamsten Überlebensinstinkte macht, und zwar ohne wirkliche Not? Angesichts der Millionen, die auf der Flucht sind, auf der Flucht in unsere Richtung, fliehen wir vor unserem eigenen menschlichen Auftrag. Wir fliehen vor dem, was uns einst als Imago Dei, als „Abbild Gottes“, zur Richtlinie der Menschwerdung geworden war.

Es steht nicht gut um uns. Man mag hoffen, dass dieses Jahrhundert ein „Interim“ sei. Aber solche Hoffnung kann nicht den bitteren Beigeschmack tilgen, der aus dem Gedanken all der Opfer erfließt, die jene Zwischenzeit noch fordern wird.

Ob die Götter einst zurückkehren werden?